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Sunday, 30 September 2007

Ratatouille

Disney ist tot. Zumindest hat es den Anschein, seitdem Pixar mit seinen animierten Filmen den herkömmlich gezeichneten Zeichentricks den Rang abgelaufen hat und Disney dem kaum was entgegenzusetzen wusste. Nun ist Disney zwar auch auf den Zug aufgesprungen, doch lassen deren animierten Filme all das vermissen, was Disneys Vermächtnis ausmachte: Detailreiche, liebevolle Zeichnungen, eine Story und Charaktere die einem sofort ans Herz wachsen. Längst haben auch andere Studios viel Geld mit Animationsfilmen verdient, während der schlafende Riese einzig durch die Kooperation mit Pixar überhaupt noch präsent ist.
Ratatouille ließ zunächst auch schlimmes befürchten. Konservative Loblieder auf die Familie, das Streben nach Glück, ebenso wie die „Tellerwäscher zum Millionär“- Mentalität versprachen Altbackenes und wenig Originelles. Heraus kam dann ein 150 Mio. Dollar teurer Streifen der dann im besten Sinne an alte Traditionen anknüpfen kann, ohne wie ein Aufguss zu erscheinen.
Die Ratte Remy hat als mehr oder minder geborener Gourmet nur einen Wunsch: Chefkoch eines Pariser Restaurants zu werden. Mithilfe des Tellerwäschers Linguini gelingt es Remy tatsächlich Koch in einem ehemaligen Gourmettempel zu werden, sei es auch nur inkognito unter der Kochmütze seines Freundes. Schnell spricht sich das Talent Linguinis/Remys herum und bald steht ihnen die größte Prüfung bevor: der gefürchtete Kritiker Anton Ego kündigt seinen Besuch an. Erneut setzt Pixar und im speziellen Regisseur Brad Bird, Maßstäbe, nicht nur in technischer Hinsicht, diesmal auch inhaltlicher Natur. Wirken die Zeichnungen fast schon beängstigend realistisch und vor allem detailverliebt, mit einem „malerischen Unterton“, der an die 50er/60er Jahre erinnert. Brad Birds Regie erweist sich als Glücksgriff. Sein Gespür für Timing beweist er erneut in den unzähligen Szenen leiser und lauter Situationskomik, die niemals platt wirkt und eben nicht auf den großen Lacher aus ist. In den besten Szenen erinnert das weniger an Bambi als vielmehr an den Zauberlehrling und an Billy Wilder oder Frank Capra (auch wenn deren Komplexität oder Facettenreichtum kaum erreicht wird). Da bestechen gerade die Küchenszenen durch Realismus, finden ihre Höhepunkt in der Ratteninvasion der Küche, die stellvertretend für den ganzen Film durch unfassbares Tempo und so viele kleine, erst auf den zweiten Blick zu sehenden Einfälle besticht. Und so beeindruckt Ratatouille durch Qualitäten auf den unterschiedlichsten Ebenen: Sowohl als Budddy Movie, als Hommage an gutes Essen(die Abläufe in der Küche sind so präzise wie realistisch), als Famileinfilm im weiteren Sinne, der eben unterschiedliche Altergruppen anspricht und auch natürlich spielt Remys Familie auch eine nicht unwesentliche Rolle. Selten hat ein Film so sehr auf Gerüche geachtet und schon der Versuch ist Ratatouille hoch anzurechnen, den er unternimmt um eben jene zu visualisieren.
Dennoch werden auch wieder Disneys Themen in den Mittelpunkt gestellt. Remy lässt seine Rattenfamilie natürlich nicht hängen, öffnet ihnen vielmehr die Speisekammer zum Restaurant, um sogleich Gewissenskonflikte zu bekommen, ob Diebstahl nun den wirklich richtig und notwendig ist. Zumindest wird nicht mehr mit dem erhobenen Zeigefinger auf seine „Verfehlung“ hingewiesen. Entkommt die Hauptfigur zwar der Gosse, doch seltsamerweise mal nicht durch Arbeit und Tüchtigkeit, vielmehr durch Talent und Gewitztheit, auch in diesem Aspekt mildert sich Disneys Einfluss merklich ab. Und dass sich Remy und Linguini nach einem Streit, gerade wenn es darauf ankommt, wieder zueinander finden, dürfte auch keine Überraschung darstellen. Umso beachtlicher, dass einerseits Ratten als Protagonisten „verpflichtet“ wurden und diese nicht einmal allzu niedlich gezeichnet sind. Weiterhin mag man sich wundern, warum der Restaurantkritiker mit einem englischen Akzent, die Ratten allesamt amerikanisch und die Franzosen englisch mit französischem Akzent sprechen. Ein unnötiger, aber oft gemachter Fehler, der auch hier zu Tage tritt, doch ist er so schnell vergessen wie eine Fertigbrühe angerührt.
Um Schubladen zu bedienen ist Ratatouille weniger in der Zeichentrick-Ecke zu Hause, keine Spur von drolligen, aber nervtötenden Fischen oder grünen Monstern, die ihr Genre mehr oder weniger selbst auf die Schippe nehmen. Vielmehr sieht er sich als Erbe besserer Screwball Komödien, die eine höheres Tempo gehen als so manche selbst titulierte Actionstreifen von sich behaupten mögen. Er nimmt seine Charaktere ernst und stellt sie nicht zur Schau oder lässt sie stereotyp erscheinen, bedient somit eben nicht das kindliche Schema so vieler Filme des Genres. Ratatouille möchte man sofort erneut sehen, weil man eben weiß, dass man noch so vieles entdecken kann, dass man Szenen gesehen hat die komisch, anrührend oder rasant gezeichnet sind und wenn Remy in der Schlussszene oben auf dem Dach steht und über das abendliche Paris schaut, sollte man sich nicht wundern, wenn vielleicht die eine oder andere Träne verdrückt wird.
Ein großer Film.

8 comments:

Kann dem Gesagten nur zustimmen - großer Film!

30 September 2007 22:31  

Steht Mitte der Woche mit den Kids an. Scheint sich ja zu lohnen!

30 September 2007 22:33  

ja und ja
und nicht nur für die Kiddies!

30 September 2007 22:37  

aber nicht wundern, wenn sie danach Koch und nicht Astronaut und keine Pferde, sondern Ratten haben wollen:-)

30 September 2007 22:37  

Stimmt, ein grosser Film.
Den Ausführungen kann ich mich aber nicht ganz anschliessen. Ich tendiere dazu, in eher in der Tradition klassischer Zeichentrickfilme zu sehen denn als Erben der Screwball-Komödie. Wobei er viele Elemente letzteren trägt.
Stellenweise ist es aber Capra in Reinstform. So liebe ich es.

30 September 2007 23:07  

@Tobias
ich kann dich durchaus verstehen, nur musste ich kaum an zeichentrickfilme denken, sondern fühlte mich filmhistorisch 50 Jahre zurückversetzt.
Aber da mag Ratatouille durchaus verschiedene Lesarten zulassen, vielleicht sogar aufdrängen.
Das sollte nun gerade nicht gegen ihn sprechen.

1 October 2007 01:24  

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